Russland rollt den Diamanten-Markt auf

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Die weltweit größte offene Diamanten-Mine ist die im Jahr 2001 stillgelegte Mine "Mir" in der sibirischen Stadt Mirny. Dort wurde bis zu einer Tiefe von 600 Metern nach Diamanten geschürft. Das Loch hat einen Durchmesser von 1200 Metern
Russland hat sich zum weltweit größten Diamanten-Produzenten entwickelt. Die vom Kreml erstmals veröffentlichten Produktionszahlen überraschen selbst Branchenkenner.

Wenn sich die Schönen und Reichen auf der Welt mit neuen Brillanten eindecken, stammen die Edelsteine immer häufiger aus den unwirtlichen Gegenden Sibiriens. Russland hat sich zum weltweit größten Diamanten-Produzenten entwickelt und dabei sogar Botswana hinter sich gelassen. Die von der russischen Regierung zum neuen Jahr erstmals veröffentlichten Produktionszahlen überraschten selbst Branchenkenner. In Moskau sagen Analysten dem russischen Branchenmonopolisten Alrosa eine glänzende Zukunft voraus.

Erst auf den Druck von außen lüftete die russische Führung ein seit Jahrzehnten gehütetes Staatsgeheimnis. Demnach wurden im größten Land der Erde im Jahr 2003 insgesamt 33 Millionen Karat (je 0,2 Gramm) gefördert. Der Staatskonzern Alrosa, der fast 100 Prozent der Produktion abdeckt, setzte im Diamantengeschäft in jenem Jahr knapp zwei Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Euro) um.
 
Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten in Moskau
Die Russen wollen noch mehr: Nach den veröffentlichten Produktionszahlen für das erste Halbjahr 2004 (17,8 Millionen Karat) zeichnete sich auf das gesamte Jahr hochgerechnet eine Umsatzsteigerung von zehn Prozent ab. Bis 2006 soll der Umsatz auf über 2,6 Milliarden Dollar zunehmen. Nach jüngsten Erkenntnissen verfügt Russland über Diamanten-Reserven von mindestens 825 Millionen Karat. Gelingt es, diese Menge abzubauen, ist für die nächsten 25 Jahre ein Export auf aktuellem Niveau möglich. Neue Förderstätten werden in Sibirien sowie Nordrussland erschlossen. Dafür muss Alrosa sich Geld auf dem internationalen Finanzmarkt leihen. Bereits heute stammt jeder fünfte weltweit geschürfte Diamant aus der Alrosa-Produktion.

Der Erfolg des in der Teilrepubliken Jakutien in Nordost-Sibirien beheimateten Konzerns mit knapp 50.000 Beschäftigten weckt Begehrlichkeiten in Moskau. Schrittweise wolle der Kreml die Mehrheit an Alrosa erlangen, berichtete die Moskauer Tageszeitung "Kommersant" in dieser Woche. Dies solle über die Ausgabe zusätzlicher Aktien erfolgen, die allesamt für den russischen Staat vorgesehen sind.

Unpräzise Angaben über Produktion und Reserven
Seit dem Zerfall der Sowjetunion ringen die Jakuten mit der Zentralmacht in Moskau um das Industriejuwel Alrosa. Derzeit hält der Staat 37 Prozent und die Regionalverwaltung in Jakutien 32 Prozent am Betrieb. Weitere acht Prozent entfallen auf die Kommunen in Jakutien. Die übrigen 23 Prozent sind in privatem Streubesitz.

Die starke Position auf dem Weltmarkt sowie relativ niedrige Produktionskosten sind nach Einschätzung der Moskauer Investmentgesellschaft Troika Dialog die großen Vorteile von Alrosa. Zu den Schwächen des Unternehmens gehören die weiterhin unpräzisen Angaben über Produktion und Reserven sowie die geographisch ungünstige Lage der Minen.

Auch in der Verarbeitung will Russland weiter zulegen
Nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Verarbeitung will Russland weiter zulegen. Hatte Alrosa in der Vergangenheit seine ins Ausland exportierten Diamanten exklusiv an De Beers verkauft, sinkt dieser Anteil seit Jahren kontinuierlich. Die Europäische Union und auch die Welthandelsorganisation WTO begrüßen diese Entwicklung als einen Schritt zur Belebung der Konkurrenz auf dem Weltmarkt.

Immer mehr sibirische Rohdiamanten werden im eigenen Land zu Brillanten veredelt. In Smolensk und anderen russischen Städten boomt die Verarbeitung. Die Auftragslage stimmt, die Aussichten sind bestens. Während sich die Konjunktur in den großen Industriestaaten erholt, steigt der Absatzmarkt für Luxusgüter in China, Indien und Osteuropa weiterhin deutlich.

Stefan Voß/DPA
Artikel vom 20. Februar 2005

Quelle: www.stern.de